Das Kalwanger Krankenhaus

Im Jahre 1912 begann Rudolf Ritter von Gutmann für seine Arbeiter und Angestellten eine eigenes Krankenhaus zu bauen, welches dann am 2. Juni 1914 feierlich eröffnet wurde. Die kirchliche Weihe nahm der Admonter Abt Oswin Schlamadinger vor. Dr. Richard Mitter, der hier seit Mai 1910 schon als Gemeindearzt tätig war, übernahm die Leitung des Spitals. Die Schwestern vom hlst. Herzen Jesu besorgten den Pflegedienst.

Nach dem Beginn des ersten Weltkrieges (1914 – 1918) waren verwundete Soldaten die ersten Patienten dieses Krankenhauses. Bei der Weihe desselben hatte wohl niemand daran gedacht, dass es gerade Kriegsverwundete sein würden, die in diesem Spital Heilung suchen könnten. Schon im Oktober 1914 lagen etwa 37 auf dem galizischen Kriegsschauplatz im Kalwanger Spital. Dr. Mitter fand bei ärztlichen Betreuung der Patienten Unterstützung durch Univ.-Dozent Dr. Saxl, der den orthopädischen Teil der Krankenversorgung übernommen hatte. Im Februar 1915 wurde Kalwang zum Rekonvaleszenten-Zentrum erklärt und bald darauf begann man, die orthopädische Abteilung auszugestalten, deren ärztlicher Leiter Univ.-Dozent Dr. Saxl aus Wien blieb. Zum militärischen Kommandanten wurde k.u.k. Oberstleutnant Krammer bestellt, der mit seiner Frau in Kalwang eine Wohnung nahm. Es wurden auch Maseure hierher berufen, und teils im Volksschulgebäude, teils im Gasthause Pircher Operationszimmer eingerichtet und für die Anfertigung von Prothesen Werkstätten hergerichtet. Das Kalwanger Spital konnte nicht mehr alle Verwundete aufnehmen, daher musste auch die Schule herangezogen werden. Doch schon im Jahre 1916 erfolgte die Verlegung der orthopädischen Anstalt nach Frankstadt in Mähren. Dr. Mitter blieb weiterhin Leiter des mit Verwundeten belegten Kalwanger Krankenhauses. 1)

Am 27. Jänner 1918 schied Dr. Mitter aus dem Leben. Es war Distriktsarzt und Leiter des Kalwanger Krankenhauses, sowie Linienschiffsarzt in Reserve gewesen und hatte sich große Verdienste um den Ort erworben.

Dr. Fugger, welcher im Jahre 1919 als Distriktsarzt nach Kalwang gekommen war, übernahm auch die Leitung des hiesigen Spitals, welche er bis zum Jahre 1929 inne hatte.

1929 pachtete die Landwirtschafts-Krankenkasse des Gutmann´sche Krankenhaus und mit 1. Mai 1929 wurde Dr. Helmut Lederer zu dessen Leiter bestellt. Nachdem die Landewirtschafts-Krankenkasse das Spital im November 1931 käuflich erworben hatte, wurde es in ein richtiges Unfall-Krankenhaus umgestaltet; die Bettenanzahl wurde erhöht und eine moderne Röntgenanlage geschaffen. Im selben Jahre erwarb die Krankenkasse auch das >>Doktorhaus<<, welches ebenfalls von Rud. v. Gutmann erbaut worden war.

Nach der gesetzlichen Neuregelung der Unfallversicherung in der Land- und Forstwirtschaft im Jahre 1948 kam das Unfallkrankenhaus in den Besitz der Land- und Forstwirtschaftlichen Sozialversicherung. Im Jahre darauf erhielt das Spital eine eigene Wasserleitungsanlage. Am 24. Oktober 1953 konnte ein Zubau sowie der neu aufgestockte Teil des Altbaues eröffnet werden.

Im Jahre 1962 war der Neubau eines Personalhauses zum Krankenhaus vollendet, in welchem die Verwaltungsräume und Personalzimmer untergebracht waren. Eine zentrale Heinzungsanlage war installiert worden. Im Krankenhaus erfolgte eine Erweiterung der Bettenanzahl auf 70 Patientenbetten; ein neuer Operationssaal und eine neue Röntgen- und Sterilisationsanlage konnte in Betrieb genommen werden. Diese Neubauten und Neueinrichtungen waren wegen der ständig steigenden Zahl der Unfallbehandelten notwendig geworden und kosteten 7 Millionen Schillinge. Mit der Eröffnungsfeier dieser Neuanlagen verband man gleichzeitig das 50jährige Bestehen des Krankenhauses. Landeshauptmann Josef Krainer war in Vertretung des Bundeskanzlers Dr. Gorbach am 12. Mai 1962 zu dieser Eröffnungsfeier gekommen und Abt Koloman Holzinger hielt in der Hauskapelle des Spitals einen Festgottesdienst.

Von 1929 bis 1962 wurden im Kalwanger Unfall-Krankenhaus 34.000 Fälle stationär und 45.000 ambulant behandelt. In das Krankenhaus wurden nicht nur, wie in den Anfängen, die Opfer von landwirtschaftlichen Arbeitsunfällen, sondern auch die der zahlreichen Verkehrsunfälle auf den Straßen des Enns-, Palten- und Liesingtales, insbesondere auch der gefürchteten >>Gastarbeiterstrecke<< sowie die Opfer der Schiunfälle eingeliefert. 2)
Im November 1962 wurde hinter dem Personalhaus des Spitals ein Hubschrauber-Landesplatz errichtet.

Obermedizinalrat Dr. Hemllut Lederer, welcher seit dem Jahre 1929 Leiter des Kalwanger Unfallkrankenhauses war, ging mit 1. Mai 1966 in Pension. In seiner 37jährigen Tätigkeit als Primararzt in Kalwang standen weit über 40.000 Patienten in stationärer Pflege seines Krankenhauses, dessen Entwicklung zu einem modernen Unfallspital – es ist das drittälteste in Österreich – sein Verdienst ist. Als ausgezeichneter Unfallchirug und Orthopäde gelang es ihm, schon im Jahre 1958 die Anerkennung des Unfallkrankenhauses als Ausbildungsstätte für das Fachgebiet Unfallchirugie beim Ministerium für soziale Verwaltung zu erreichen. Der hervorragende Ruf, dessen sich das Kalwanger Krankenhaus im ganzen Lande erfreut, ist unzertrennlich mit dem Namen >>Primar Dr. Lederer<< verbunden. Dr. Hellmut Lederer starb am 8. November 1976 und wurde unter großer Teilnahme weitester Bevölkerungskreise in Kalwang zu Grabe getragen.

Am 2. November 1900 zu Graz geboren, hatte Hellmut Lederer am 19. Jänner 1924 zum Doktor der gesamten Heilkunde an der Karl-Franzens-Universität in Graz promoviert. Nach der turnusmäßigen Ausbildung am Krankenhaus in Voitsberg und am Landeskrankenhaus in Graz (1925 – 1928) hatte Dr. Lederer die engere Fachausbildung in Unfallchirugie und Orthopädie als Assistent bei Prof. Dr. Arnold Wittek im Unfallkrankenhaus Graz erhalten. Im Unfallkrankenhaus Wien lernte er die Behandlungsmethoden des Prof. Dr. Lorenz Böhler eingehend kennen und wandte dieselben in der Folgezeit mit Erfolg an. Dr. Lederer gehörte mehreren wissenschaftlichen Vereinigungen und Gesellschaften von Ärzten an und veröffentliche zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten in verschiedenen medizinischen Zeitschriften. 1957 wurde ihm vom Bundespräsidenten der Berufstitel Medinzinalrat und 1963 der Titel Obermedizinalrat verliehen. Die Marktgemeinde Kalwang verlieh ihm 1965 das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde, und die Landeskammer für Land- und Forstwirtschaft zeichnete ihn 1966 mit ihrer silbernen Medaille aus.

Am 15. März 1966 wurde Dr. Hans Krotscheck von der Land- und Forstwirtschaftlichen Sozialversicherungsanstalt zum Primarius des Unfallkrankenhauses Kalwang bestellt.
Primarius Dr. Krotscheck promovierte 1948 an der Universität Wien zum Doktor der gesamten Heilkunde. Nach einem halben Jahr am Pathologisch-Anatomischen Institut der Universität Wien unter Prof. H. Chiari begann er am 10.3.1949 seine unfallchirurgische Ausbildung bei Prof. Lorenz Böhler, dem Begründer der modernen Unfallchirugie, im Unfallkrankenhaus Wien, Webergasse. Eine zweijährige Ausbildung in Allgemeinchirurgie machte er im Hanuschkrankenhaus bei Prim. Dr. Stritzko. 1953 wurde er Assistent bei Prof. L. Böhler, im Jänner 1956 ging er als Oberarzt in das neu errichtete Unfallkrankenhaus Wien/Meidling unter Prof. Dr. O. Russe, wo er bis zu seiner Bestellung zum Primarius in Kalwang blieb. Während seiner Tätigkeit war er mehrfach zu Studienaufenthalten in Deutschland, in der Schweiz und in den USA. Seine wissenschaftliche Arbeit umfaßt bisher 35 Publikationen und Vorträge, und außerdem ist er gemeinsam mit Prim. Dr. J. Ender Verfasser eines Buches über die Handchirurgie. Prim. Krotscheck ist im Vorstand der Österr. Gesellschaft für Unfallchirurgie, er ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie, der wissenschaftlichen Gesellschaft der Ärzte in der Steiermark und der Österr. Gesellschaft für Chirurgie und für Orthopädie.

Entsprechend der 29. Novelle zum A. S. V. G. wurde die Land- und Forstwirtschaftliche Sozialversicherungsanstalt aufgelöst und das Unfallkrankenhaus Kalwang ging am 1.1.1974 in den Besitz der Sozialversicherungsanstalt der Bauern über.

Seit 1966 hat die Inanspruchnahme des Krankenhauses ständig weiter zugenommen. 1977 wurden 2.269 Patienten stationär aufgenommen, 7.561 neue Patienten wurden ambulant behandelt. Um der zunehmenden Inanspruchnahme des Krankenhauses und der Weiterentwicklung der Traumatologie gerecht zu werden, wurden seit 1966 vom jeweiligen Kostenträger beträchtliche Investitionen getätigt. Die wesentlichsten waren die Errichtung einer Müllverbrennungsanlage, der Anbau eines Ambulanztraktes und eine Septischen Operationseinheit, der Bau einer Garage, die vollständige Erneuerung der Zentralheizung und Warmwasserbereitung und der Erwerb und Ausbau eines Ärztewohnhauses.
Für Neubauten und Adaptierungen wurden 6,500.000,– aufgewendet, für medizinische Einrichtungen, Geräte und Apparate wurden außerdem in dieser Zeit 5,000.000,– investiert.
Derzeit sind im Krankenhaus 86 Personen beschäftigt, davon 6 Fachärzte, und 4 Ärzte stehen in Ausbildung zum Unfallchirurgen.

Stationäre Neuaufnahmen: Ambulante Neuzugänge:

1.961 1.566 3.931
1.967 1.756 5.429
1.971 2.023 6.667
1.977 2.220 7.561

Die Erweiterung unseres Krankenhauses durch ein Rehabilitationszentrum für alle Versicherten der Sozialversicherungsanstalt der Bauern in Österreich ist in Planung.

1) Nach der Chronik der Pfarre Kalwang.
2) Grazer Tagespost vom 20.11.1962.

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