Die Wallfahrtskirche St. Sebastian in Kalwang

Am Eingang zum Engtal der Teichen in Kalwang liegt westlich davon auf dem steilen Hange des Sonnberges die Filial- und Wallfahrtskirche zum hl. Sebastian. Malerisch schaut das alte Kirchlein weit ins Land hinaus und leuchtet auch nachts, von hellem Scheinwerferlichte angestrahlt, freundlich in den alten Markt Kalwang herunter. Von Waldeswipfeln umgeben, verleiht es so dem Landschaftsbilde von Kalwang ein ungemein liebliches Gepräge und wäre aus diesem nicht mehr wegzudenken.

Das dem Pestpatron St. Sebastian geweihte Kirchlein wurde im Jahre 1495 erbaut. So wird im ganzen Steirerland wütete im 15. Jahrhundert auch in unserem Tale wieder die Pest und forderte zahlreiche Opfer. Besonders arg war dies nach dem Türkeneinfall im Jahre 1480, bei welchem die Türken plüdernd und mordend das Liesingtal durchzogen hatten. Brandruinen, herumliegende Menschenleichen und Tierkadaver ließen sie zurück; die Pestseuche breitete sich aus. Überall im Lande schritt man um diese Zeit zur Errichtung von Kapellen zu Ehren des Pestpatrons Sebastian und der Heilige wurde um Hilfe in der Pestnot angefleht. Auch Kalwang blieb da nicht zurück; man errichtete ein dem Pestheiligen geweihtes Kirchlein am Berge oberhalb des Ortes. Es war zunächst ein spätgotschisches Bauwerk. Daran erinnert noch das gut erhaltene verstäbte Spitzbogenportal an der Ostseite der Kirche und das teilweise noch bestehende Gewölbe der Kirche.

Ursprünglich besaß das Sebastianikirchlein einen schlanken Turm wie die Pfarrkirche des Ortes. Ein Votivbild der Kirche aus dem Jahre 1766 zeigt noch diesen schlanken Turm. Um 1778 erfolgte eine Vergrößerung des Kirchenbaues; er erhielt auch eine neue Ost- und West-Fassade. Dabei wurde das ehemalige gotische Hauptportal von der Westseite an die Ostseite der Kirche wurde abgerissen und diese durch den Anbau eines barocken verlängerten Presbyteriums und der Sakristei erweitert. Bei dem Umbau erhielt die Kirche auch das heutige barocke Türmchen. Das neue frühbarocke Westportal weist die Jahreszahl 1776 auf und trägt die Inschrift: „Die Zuflucht der allergrößten Sünder“. In der Nische über diesem Portal steht eine Statue des Titelheiligen der Kirche. Das darunter angebrachte Fresko, >>der Teufel holt den Sünder<<, wurde allerdings vor kurzer Zeit bei einem Wettersturm von stürzenden Bäumen arg beschädigt.

Nicht nur wegen der Pestabwehr allein fand die Wallfahrtskirche am Sebastianiberg reichlichen Zuspruch, sondern sie wurde auch von den Bergknappen der Kupferbergbaue in der kurzen und langen Teichen gerne aufgesucht. Zwei Votivbilder, die in der Sebastianikirche hingen, erinnern ganz besonders an den vom Stifte Admont vom 17. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert betriebenen Bergbau in der Teichen. Es sind dies zwei Darstellungen knieender Bergknappen, über welchen die Gottesmutter sowie die hl. Barbara schützend ihre Mäntel halten. Die Kleidung der Bergleute zeigt ihre alte Standestracht mit dem weißen Kapuzenmantel und dem Bergleder. Beide Bilder sind von hohem kulturgeschichtlichem Werte. Außer diesen Bildern verfügte die Sebastianikirche noch über manch wertvolle Kunstwerke. Eines der ältesten Ausstattungsstücke der Kirche war ein fast lebensgroßer geschnitzter Gekreuzigter aus dem Beginne des 16. Jahrhunderts. Es hing im Raum zwischen den beiden Chororatorien. Die Tür hinter dem Hochaltar umrahmte ein wervolles Altarfragment, Gottvater und Engel darstellend, welches mit der Jahreszahl 1634 datiert ist. Der Schnitzer dieses frühbarocken Werkes wird zu den besten Meistern der damaligen Zeit i der Steiermark gezählt. Zahlreiche wertvolle Heiligen- und Engelfiguren zierten die Wallfahrtskirche; so ein hl. Rochus und ein hl. Oswald. Der Hochaltar der Kirche mit dem Bildnisse des hl. Sebastian, wie er mit Pfeilen duchgeschossen wird, wurde ebenso wie der nördliche Seitenaltar, ein Marienaltar, vom Tischlermeister Matthias Radlingmayer aus Kalwang neu gemacht und in die heutige Gestalt gebracht. Die Weihe dieser neu gestalteten Altäre erfolgte am 8. September 1844. Matthias Radlingmayer war zu dieser Zeit auch Ortsrichter der Katastralgemeinde Kalwang; ihm gehörte das heutige Haus Nr.56 (Richter) in Kalwang. Zu Seiten des Hochaltares standen die Statuen der hl. Anna und des hl. Josef. Der südliche Seitenaltar zur hl. Familie ist mit reichem Laub- und Bandwerk verziert und trägt das Datum 1724. Er wurde von der Familie des Kalwanger Hammergewerken Scheuchenstuel der Sebastianikirche gewidmet. Zahlreiche Votivbilder schmücken die Kirche, so auch eines, welches den fuchtbaren Brand des Jahres 1725 zeigt, bei welchem der heutige Pfarrhof und viele andere Gebäuden des Ortes ein Raub der Flammen wurden. Einige Votivbilder lassen auch die damalige Ausdehnung Kalwangs deutlich erkennen oder zeigen die damaligen Trachten der Bevölkerung. Das schöne Rokoko-Kirchengestühl der Sebastianikirche stammt aus dem 18. Jahrhundert. Im Jahre 1895 wurden zwei wertvolle Rokoko-Beichtstühle von der Sakristei und aus einer Rumpelkammer der Sebastianikirche weggenommen und in den beiden Kapellen der Pfarrkirche des Ortes aufgestellt, nachdem sie vorher gänzlich zerlegt und repariert worden waren.

Die im Jahre 1669 in Kalwang gegründete Sebastiansbruderschaft trug besonders zur Förderung der Verehrung des Kirchenheiligen am Sebastianiberg bei. Aber auch die Marienverehrung dürfte in der Sebastianikirche zu Kalwang schon frühzeitig eifrig gepflegt worden sein. Dies bezeugt wohl ein schönes gestochenes Wallfahrtsbildchen aus dem Jahre 1626 in der Admonter Kupferstichsammlung, das die Kalwanger Pfarrkirche mit dem Sebastianiberg zeigt und darüber das Gnadenbild der dort verehrten Marienstatue und das Bild das hl. Sebastian aufweist. Ganz besonders nahm aber die Marienverehrung am Sebastianiberg zu, als im Jahre 1766 eine große Viehseuche im Liesing- und Paltentale zugrunde richtete und die Orte Kammern, Mautern, Kalwang, Wald und Gaishorn auf wunderbare Weise davon verschont blieben. Die Leute schrieben diese wunderbare Hilfe der Fürbitten Mariens vom Sebastianiberg zu. Von da an wuchs der Anruf zur Mutter Gottes am Sebastianiberg immer mehr. Alljährlich fanden nun Votivprozessionen der von der Viehseuche verschonten Gemeinden, mit Ausschluß Gaishorns, statt. Das veranlaßte auch ganz besonders die Kalwanger und Kammerer, Votivtafeln in feierlicher Prozession auf den Sebastianiberg zu tagen und dort aufzuhängen. Im Jahre 1866 wurde der 100. Jahrestag dieser wunderbaren Verschonung von der Viehseuche gefeiert, bei welchem auch die damalige Kalwanger Musikkapelle unter der Leitung des Kalwanger Schulmeisters Matthias Gorimorth (1823 – 1893) mitwirkte. Am Pfingstsonntag des Jahres 1916 kamen die Bewohner der Orte Mautern, Kammern und Wald auf den Sebastianiberg gezogen, wo sie sich mit den Kalwangern vereinigten, um das 150-jährige Gedenken dieses Ereignisses trotz des damals währenden 1. Weltkrieges festlich zu begehen.

Noch bis in die letzte Zeit fanden alljährlich an den Bittagen feierliche Prozessionen auf den Sebastianiberg unter großer Beteiligung der Bewohner von Kalwang, Wald, Mautern und Kammern statt. Geblieben ist in die jüngste Zeit noch jeweils am 2. Sonntag im September ein feierliches Erntedankfest der Pfarrgemeinde Kalwang in der Sebastianikirche. Dabei fehlte als kirchliche Besonderheit nie ein Opfergang mit vom Mesner der Kirche gegossenen Wachsvotiven. 22 dieser Wachsfiguren, Männer- und Frauengestalten, Heiligenfiguren, ein Wickelkind, sowie verschiedene Tierdarstellungen (Ziege, Lamm, Saubär, Kalbin, Kuh, Pferd), Bienenstock und Haus, aber auch eine schöne modellierte Hand, ein rechter Fuß und ein Augenpaar auf einer Standplatte wurden dabei geopfert. Die entsprechenden Holzmodelle, heute noch vorhanden, sind vielfach handwerkliche, ja sogar künstlerisch wertvolle Schnitzwerke. Fast alle sind schon sehr alt und können zum Teil nach dem Urteile von Fachleuten ein Vorbild des berühmten Admonter Barockplastikers Thaddäus Stammel nicht verleugnen (Kalbin, rechter Fuß). Nach dem feierlichen Erntedank-Hochamte und vor dem anschließenden Segen begaben sich die Gläubigen in die hinter dem Altar befindliche Wachskammer, um ein oder das andere dort aufbewahrte Wachsopfer auszuwählen, wobei sie dem Mesner ein kleines Entgelt gaben. Mit der gewählten Wachsfigur in der rechten Hand umschritten dann die Votierenden den Hochaltar und legten hierauf ihre Opfergabe auf ein bereitgestelltes, weiß gedecktes Tischchen. Nach dem Gottesdienst trug der Mesner die Wachsopfer wieder in die Wachskammer zurück.
Leider konnte in letzter Zeit auch das Erntedankfest in der Sebastianikirche mit den Wachsfiguren als Opfergaben nicht mehr gefeiert werden, da die Kirche bereits baufällig geworden war. Waren in früher Zeit Bergleute, Grubenbesitzer, Hammerherren, Hammerschmiede und Bauern diejenigen, welche diese Opfergaben am Sebastianiberg anläßlich der verschiedenen Festtage in der Sebastianikirche darbrachten, so blieben nach dem Aufhören des Kupferbergbaues in der Teichen im Jahre 1867 und nach der Stillegung der vielen Kalwanger Eissenhämmer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur mehr die Bauern, aber auch viele Ortsbewohner übrig, die an den alten Opferbräuchen noch festhielten.

Außer den verschiedenen Erweiterungen und Änderungen an der Sebastianikirche hatte man im Laufe der Jahrhunderte manch größere Reparaturen an der Kirche durchgeführt. Zur Neueindeckung des Turmes im Jahre 1835 benötigte man 6000 lärchende Schindeln. 1842 erfolgte Reparaturen am Kirchendach; 1905 wurde die Bergseite und 1915 die Vorderseite des Kirchendaches neu eingedeckt werden. Das Stift Admont übernahm dabei die halben Renovierungskosten und den Rest bezahlte die Gemeinde Kalwang. Die Gemeinde Wald, Mautern und Kammern, die früher bei größeren Reparaturen stets mithalfen, leisteten diesmal keine Hilfe. 1929 erfolgte eine Renovierung der alten Orgel der Sebastianikirche durch den Orgelbaumeister Erwin Aigner aus Göß, welcher auch die fehlenden Zinnpfeifen ersetzte. Heute ist diese Orgel nicht mehr spielbar und müßte vollkommen restauriert werden.

Während des 1. Weltkrieges (1914 – 1918) mußte am 3. Oktober 1916 von der Sebastianikirche die größte und die kleinste Glocke abgenommen und zum Einschmelzen abgeliefert werden. Die große Glocke der Kirche war im Jahre 1728 gegossen worden, die kleine trug keine Jahreszahl, dürfte aber weitaus älter als die große gewesen sein. Auch die Pfarrkirche in Kalwang hatte im 1. Weltkrieg drei ihrer vier Glocken abliefern müssen. Sie erhielt als Ersatz Stahlglocken, welche die Firma Böhler & Co. hergestellt hatte (1918). Als die Pfarrkirche dann im Oktober 1924 wieder neue Glocken anschaffen konnte, kamen die Stahlglocken in den Turm der Sebastianikirche.

Zum ersten Male wurde im Jahre 1935 in die Sebastianikirche eingebrochen und vom Familienaltar eine barocke St.-Josef-Statue gestohlen. Der Dieb konnte nicht ausgeforscht werden. Ein 1937 abermals versuchter Einbruchsdiebstahl blieb aber erfolglos. Als am 31. August 1972 wieder in die Sebastianikirche eingebrochen wurde, konnten die Diebe etwa 20 Kunstgegenstände erbeuten, darunter zwei Engel- und Heiligenfiguren vom Hochaltar, sowie mehrere Figuren und Rahmen vom Familienaltar und das besonders wertvolle frühbarocke Altarfragment von 1634. Von den Tätern fehlt bis heute jede Spur. Um die verbliebenen wertvollen Kunstgegenstände vor weiteren Diebstählen zu sichern, verbrachte man alle aus der Sebastianikirche in den Kalwanger Pfarrhof. Die dem Verfalle preisgegebene und seit einigen Jahren nicht mehr benützte, leere Kirche macht nun einen trostlosen Eindruck.

Gegenüber der Sebastianikirche steht eine Kapelle aus dem 18. Jahrhundert, welche ursprünglich als Knappenkapelle diente, da damals auch die Stift Admontischen Bergknappen der Kupfergruben in der Teichen die Festgottesdienste am Sebastianiberg besuchten. Im Herbst des Jahres 1889 wurde diese ehemalige Knappenbruderschafts-Kapelle umgestaltet. Es wurde eine Lourdes-Statue von Stuffler aus Gröden in Tirol angeschafft, die Grotte selbst aus Kalktuff und mit schönen Tropfsteinen ausgeführt, sowie die ganze Kapelle vollkommen neu gestaltet. Auch die Quelle, die in der Kapelle ganz häßlich und verfallen herausfloß, wurde neu gefaßt. Ihrem Wasser spricht der Volksglaube eine gewisse Heilkraft bei Augenleiden zu, daher auch die Opferung von aus Wachs gegossenen Augenpaaren beim ehemaligen Opfergang in der Sebastianikirche. Die Einweihung dieser neu gestalteten Kapelle erfolgte am 27. Oktober 1889.

Um den gänzlichen Verfall der alten, historisch wertvollen Wallfahrtskirche am Sebastianiberg bei Kalwang etwas aufzuhalten, erfolgte vor einigen Jahren eine teilweise Neueindeckung ihres Daches im Bereiche des Kirchentürmchens. Eine eingeleitete Spendensammlung zur Erhaltung der Kirche machte es möglich, im Jahre 1979 eine Sanierung der Außenfassade und des Kirchendaches durchzuführen.

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